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Traumaarbeit in der Praxis

Behandlung nach Operationstrauma
Kniebehandlung nach Operationstrauma

Nachdem der letzte Artikel zum Thema Schock und Trauma sehr theoretisch ausgefallen ist, möchte ich nun diesen Bereich an Hand von Praxisbeispielen weiter erläutern.

Besonders gut lassen sich die Zusammenhänge zwischen Trauma und Faszien bzw. Bindegewebe am Beispiel der Behandlung postoperativer Beschwerden veranschaulichen.

 

Körperliche Behandlung postoperativer Kniebeschwerden

Im Rahmen der Nachbehandlung von drei operierten Knien bekam ich schon bald nach meiner Intendons-Ausbildung die Gelegenheit erste Erfahrungen zu sammeln. Ein Faszien-Coaching beginnt bei mir unabhängig vom Ort der größten Beschwerden mit einer Entspannung der Körperperipherie entweder im Bereich der Beine oder der Arme. Gerade bei Operationstraumata spare ich den operierten Bereich zuerst gezielt aus, um nicht auf Grund der gespeicherten traumatischen Informationen eine Abwehr im Bindegewebe zu provozieren. Erst wenn der Patient/die Patientin körperlich weitgehend entspannt ist beginne ich behutsam an der operierten Stelle zu arbeiten. Die Patienten unterstützen meine Arbeit durch eine innere Aktivierung des Fasziensystems und/oder begleiten das Geschehen mit einer Art körperlichem „in sich Hineinlauschen“. Mit diesem Teil der Therapie lassen sich die Beschwerden in der Regel schon deutlich reduzieren. Irgenwann erreicht man jedoch meistens einen Punkt, an dem alleine durch die körperliche Behandlung keine weitere Verbesserung zu erreichen ist.

Emotionale Traumaanteile

An dieser Stelle beginne ich mit den emotionalen Inhalten im Zusammenhang mit der Operation zu arbeiten, Gefühle wie Angst, Trauer, Ohnmacht etc. können so in einem geschützten Rahmen noch einmal erlebt und verarbeitet werden. Während der Patient/die Patientin an die Operation selbst bzw. an sonstige belastende Inhalte im Zusammenhang mit der Operation denkt, wird er/sie aufgefordert, auf Reaktionen im Körper zu achten. Häufig zeigen sich dann – meistens im Bereich von Bauch oder Brust – Engegefühle oder lokale „Verklumpungen“. Während man dann gezielt daran arbeitet, diese Bereiche mit Unterstützung des Patienten zu entspannen kann es dann passieren, dass traumatische Inhalte reaktiviert werden. Eine meiner Patientinnen nahm beispielsweise in dieser Behandlungsphase einen deutlichen Krankenhausgeruch wahr, eine andere entwickelte in abgeschwächter Form den Schüttelfrost, welchen sie unmittelbar nach der OP erlebt hatte. Im Dialog mit dem Bindegewebe ist es möglich, im ganzheitlichen Sinne auf alle mit einem Trauma zusammenhängende Ebenen einzugehen. Gerade im Falle lange anhaltender postoperativer Beschwerden wären eine rein körperliche Behandlung als auch eine ausschließlich psychotherapeutische Intervention nicht in der Lage ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen.

Selbstwirksamkeit

Der Fasziendialog hat darüber hinaus den großen Vorteil, dass die psychosomatischen Zusammenhänge für den Patienten/die Patientin selbst wahrnehmbar werden und so ein Gefühl der Selbswirksamkeit entstehen kann. Tatsächlich können die Patienten im Anschluss an die Behandlung eigenständig weiterarbeiten, sie lernen bestimmte Körperreaktionen einzuordnen und adäquat zu beantworten.

 

Bildnachweis: nanettegrebe/stock.adobe.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schock und Trauma

Depressed little boyTraumatisierungen hinterlassen auf der körperlichen Ebene „Abdrücke“ im Bereich der Faszien.

Traumaspeicherung

Körperliche und/oder seelische Traumata entstehen auf Grund von Unfällen, Verletzungen oder sonstigen Schocksituationen, welche zum Zeitpunkt des Geschehens nicht ausreichend verarbeitet werden können. Die Inhalte solcher Erlebnisse werden zum Schutz der Seele abgespalten beziehungsweise verdrängt, sie liegen quasi auf „Wiedervorlage“, um sie bei passender Gelegenheit nachträglich bearbeiten und somit erledigen zu können. In den meisten Fällen jedoch ist der subjektive Eindruck der Überforderung und Bedrohung des Systems durch das Trauma so groß, dass sich psychische Anteile herausbilden, welche sich mit aller Kraft gegen eine erneute Konfrontation wehren – es entsteht nicht nur im übertragenen Sinne eine Abkapselung der traumatischen Inhalte. Es ist gut nachvollziehbar, dass durch diese Abwehrmechanismen sehr viel Lebensenergie gebunden wird: Die Seele steht in einem permanenten Spannungsfeld zwischen den Schutzmechanismen und dem Streben nach Integration und Verarbeitung der abgespaltenen Themen.

Körperorientierte Psychotherapie

Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts stellten Psychotherapeuten wie Wilhelm Reich (Vegetotherapie) und sein Schüler Alexander Lowen (Bioenergetik) körperliche und energetische Prozesse in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit. Reich prägte den Begriff des Charakterpanzers, welcher individuelle Anspannungen und Verhärtungen im Bereich des Bewegungsapparates beschreibt. Diese Panzerung bildet sich größtenteils schon in frühkindlichen Entwicklungsphasen heraus und dient dem Schutz vor überfordernden Gefühlen und Affekten.

Energiezysten

Auch in der Cranio-Sacral-Therapie werden körperliche Speicherungen unverarbeiteter traumatischer Inhalte beschrieben: Dr. John Upledger entdeckte zusammen mit dem Biophysiker Dr. Zvi Karni auf Grund von Verletzungen oder Schockerlebnissen vom restlichen Körper abgekapselte Strukturen, welche er als „Energiezyste“ bezeichnete. Auch weniger spektakuläre Auslöser wie beispielsweise Ängste und Kränkungen sind, wenn sie nicht im Augenblick der Entstehung verarbeitet werden können, in der Lage sich körperlich in Form einer Energiezyste zu manifestieren. Eine solche Energiezyste behindert die normalen Körperfunktionen, sie muss „umgangen“ werden und führt so zu Störungen und Blockaden der gesunden Abläufe in unserem Körper. Durch die Abspaltung der zu Grunde liegenden Themen bleiben die Ursachen der so entstandenen körperlichen Beschwerden im Verborgenen.

 

Bildnachweis: bramgino/stock.adobe.com