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Faszien-Blog

Coronakrise – was nun?

Mittlerweile sind 3 Wochen der Kontaktbeschränkungen im Rahmen der Coronakrise ins Land gegangen. Meine Praxis muss geschlossen bleiben und die Verbindung zu meinen Patienten erfolgt – wenn überhaupt – telefonisch. Anamnesegespräche und die Ausarbeitung individueller spagyrischer Rezepturen sind auf diesem Wege gut machbar allerdings sah ich bis vor einer Woche keine Möglichkeit meine Patienten weiterhin körperpsychotherapeutisch zu begleiten.

Nachdem ich schon langsam anfing mich innerlich mit dieser unbefriedigenden Situation abzufinden, veranlasste mich der Hilferuf einer Patientin, die unter starken Nackenverspannungen und dadurch bedingten heftigen Kopfschmerzen litt nach neuen Wegen zu suchen. Mir war sofort klar, dass eine rein medikamentöse Behandlung in diesem Fall keine Aussicht auf Erfolg versprach.

Intuitiv besann ich mich auf meine eigenen Erfahrungen mit Intendons und leitete die Patientin telefonisch an, in ihre Verspannungen hineinzuspüren und passende innere Bewegungsimpulse zur Lösung der betroffenen Faszien zu finden. Schnell wurde der Zusammenhang der Beschwerden mit starken Existenzängsten auf Grund der aktuellen Krise deutlich. Die Behandlung führte zu einer spürbaren Entspannung der Nackenpartie und zu einem Gefühl von innerer Sicherheit und Lösungskompetenz.

Auch ich bin aus dieser Behandlung sehr viel optimistischer hervorgegangen: Schließlich hatte ich einen Weg gefunden, trotz aller Einschränkungen endlich wieder auf eine in vollem Umfang zufriedenstellende Weise arbeiten zu können.

Training mit der Faszienrolle

Training mit der Faszienrolle
Training mit der Faszienrolle

Allgegenwärtige Faszien  Als vor einiger Zeit der große Hype um das Thema Faszien losgetreten wurde freute ich mich erst einmal sehr. Endlich wurde diesem Wunderwerk der Natur die verdiente Aufmerksamkeit zuteil – dachte ich.

Ich freute mich, dass so die Information über die Bedeutung unseres Bindegewebes einem breiten Publikum zugänglich wird und ich nicht immer wieder jedem neuen Patienten die umfangreichen Zusammenhänge erklären muss.

Um für meine Arbeit auf dem Laufenden zu bleiben schaltete ich einen Internet-Dauersuchauftrag zum Thema Faszien und Bindegewebe. Zu Beginn häuften sich die Publikationen, welche das Fasziensystem erklärten und über neue wissenschaftliche Forschungsergebnisse berichteten. In allen großen Illustrierten wurde das Thema groß aufgezogen. Mittlerweile beschränken sich die Suchergebnisse allerdings fast nur noch auf Artikel, welche für Faszientrainings mit – oder seltener auch ohne – Rolle werben.

Faszienrollen als Allheilmittel? Wenn ich nun einen Faszienworkshop anbiete erwarten potenzielle Teilnehmer, die ich nicht vorher eines Besseren belehrt habe, dass im Kurs ihr schmerzendes oder erschlafftes Gewebe mittels irgendwelcher Rollen oder Bälle gewalgt wird. Der Erklärungsbedarf über die darüber hinaus gehende Bedeutung des Bindegewebes und seiner psychosomatischen Dimension besteht unverändert bzw. hat sich sogar erhöht, da man ja auf Grund der manchmal doch sehr oberflächlichen Informationen der Meinung ist, jeden Schmerz einfach „wegrollen“ zu können.

Gerade im Hinblick auf die Behandlung von Schmerzen halte ich diese Herangehensweise für sehr problematisch. Wie schon in meinem Blogartikel  „Schock und Trauma“ erläutert sind in unserem Bindegewebe vielfältige Informationen gespeichert und es ist nie auszuschließen, dass über eine nicht ausreichend achtsame Herangehensweise eine unerwünschte Aktivierung von Themen erfolgt, die dann nicht adäquat beantwortet werden. Auf diese Weise kann es dann sein, dass es zu „Symptomverschiebungen“ oder noch schlimmer zu einer Retraumatisierung kommt.

 

Bildnachweis: Printemps/stock.adobe.com

 

Körperpsychotherapie

Bisher war das Thema meiner Beiträge eher die Arbeit an psychischen Hintergründen im Zusammenhang mit körperlichen Beschwerden, in diesem Beitrag möchte ich nun auf die gezielte Behandlung von psychologisch-emotionalen Themen eingehen.

 

Psychotherapeutische Behandlung

Ängste und Depresssion
Ängste und Depression

Nachdem ich bei meinen Fasziencoaching-Sitzungen immer wieder erleben durfte, wie nachhaltig sich diese Form  der körperlichen Behandlung auch auf die Psyche meiner Patienten auswirkte, begann ich schließlich damit, Themen wie Ängste und Depressionen auf der Körperebene zu behandeln. Auch hier steht am Anfang jeder Sitzung eine meist von der Körperperipherie ausgehende Entspannung. Sich daran anschließend bitte ich den Patienten/die Patientin, sich mental in typische, seine/ihre Beschwerden auslösende Situationen oder Denkmuster zu versetzen und gleichzeitig auftretende Körperreaktionen zu beobachten.

 

Fasziendialog

Die Körperstellen, welche sich im Zusammenhang mit den individuellen Themen „zeigen“ behandle ich dann unmittelbar. Die von den Patienten wahrgenommenen Bereiche ihres Körpers zeichnen sich fast immer durch deutlich tastbare Gewebsauffälligkeiten – zum Beispiel in Form von Verfestigungen, veränderter Verschiebbarkeit, Temperaturveränderung etc. (vergl. „Energiezyste“) –  aus. Gemeinsam mit meinen Patienten ermittle ich anschließend welche Form der Behandlung dieser Stellen sich für sie „richtig“ anfühlt. Während ich dann den entsprechenden Bereich behandle fordere ich den Patienten auf, weiterhin auf eventuell neu auftretende Körperreaktionen oder Veränderungen der Gefühlslage zu achten. Gleichzeitig bekommt er den Auftrag, meine Arbeit durch eine innere Aktivierung des Gewebes zu unterstützen.

Trancearbeit

Die starke Konzentration auf den Körper lässt ganz nebenbei das konditionierte Denken zur Ruhe kommen und begünstigt einen Trancezustand, welcher dann den Zugang zu unterbewussten Inhalten erleichtert. Ähnlich wie in einer klassischen Hypnosesitzung werden so verdrängte Erinnerungen aber auch blockierte Lösungsansätze zugänglich gemacht. Sehr häufig erlebe ich während solcher Behandlungen, dass insbesondere Kindheitserinnerungen wieder lebendig werden; die entsprechenden Ereignisse können dann im geschützten Rahmen des therapeutischen Settings aus einem größeren Abstand heraus betrachtet und angemessen bewertet werden.

Neutralität

Bei dieser Arbeit ist es ausgesprochen wichtig als Therapeut eine möglichst annehmende und gleichzeitig neutrale Haltung einzunehmen. So versuche ich immer die verbalen sowie die körperlichen Äußerungen meiner Patienten einfach nur achtsam wahr zu nehmen ohne sie zu interpretieren oder zu bewerten. Ich lasse mich gleichsam von dem überraschen, was sich während einer Sitzung zeigt und maße mir nicht an schon vorher zu wissen, wie das Ergebnis auszusehen hat. Im Vergleich zu einer rein psychotherapeutischen Behandlung fällt es mir, durch die bei der Arbeit am Bindegewebe im hohen Maße erforderliche Präsenz, wesentlich leichter diese Haltung einzunehmen.

 

Bildnachweis: hikrcn/stock.adobe.com

 

 

 

Traumaarbeit in der Praxis

Behandlung nach Operationstrauma
Kniebehandlung nach Operationstrauma

Nachdem der letzte Artikel zum Thema Schock und Trauma sehr theoretisch ausgefallen ist, möchte ich nun diesen Bereich an Hand von Praxisbeispielen weiter erläutern.

Besonders gut lassen sich die Zusammenhänge zwischen Trauma und Faszien bzw. Bindegewebe am Beispiel der Behandlung postoperativer Beschwerden veranschaulichen.

 

Körperliche Behandlung postoperativer Kniebeschwerden

Im Rahmen der Nachbehandlung von drei operierten Knien bekam ich schon bald nach meiner Intendons-Ausbildung die Gelegenheit erste Erfahrungen zu sammeln. Ein Faszien-Coaching beginnt bei mir unabhängig vom Ort der größten Beschwerden mit einer Entspannung der Körperperipherie entweder im Bereich der Beine oder der Arme. Gerade bei Operationstraumata spare ich den operierten Bereich zuerst gezielt aus, um nicht auf Grund der gespeicherten traumatischen Informationen eine Abwehr im Bindegewebe zu provozieren. Erst wenn der Patient/die Patientin körperlich weitgehend entspannt ist beginne ich behutsam an der operierten Stelle zu arbeiten. Die Patienten unterstützen meine Arbeit durch eine innere Aktivierung des Fasziensystems und/oder begleiten das Geschehen mit einer Art körperlichem „in sich Hineinlauschen“. Mit diesem Teil der Therapie lassen sich die Beschwerden in der Regel schon deutlich reduzieren. Irgenwann erreicht man jedoch meistens einen Punkt, an dem alleine durch die körperliche Behandlung keine weitere Verbesserung zu erreichen ist.

Emotionale Traumaanteile

An dieser Stelle beginne ich mit den emotionalen Inhalten im Zusammenhang mit der Operation zu arbeiten, Gefühle wie Angst, Trauer, Ohnmacht etc. können so in einem geschützten Rahmen noch einmal erlebt und verarbeitet werden. Während der Patient/die Patientin an die Operation selbst bzw. an sonstige belastende Inhalte im Zusammenhang mit der Operation denkt, wird er/sie aufgefordert, auf Reaktionen im Körper zu achten. Häufig zeigen sich dann – meistens im Bereich von Bauch oder Brust – Engegefühle oder lokale „Verklumpungen“. Während man dann gezielt daran arbeitet, diese Bereiche mit Unterstützung des Patienten zu entspannen kann es dann passieren, dass traumatische Inhalte reaktiviert werden. Eine meiner Patientinnen nahm beispielsweise in dieser Behandlungsphase einen deutlichen Krankenhausgeruch wahr, eine andere entwickelte in abgeschwächter Form den Schüttelfrost, welchen sie unmittelbar nach der OP erlebt hatte. Im Dialog mit dem Bindegewebe ist es möglich, im ganzheitlichen Sinne auf alle mit einem Trauma zusammenhängende Ebenen einzugehen. Gerade im Falle lange anhaltender postoperativer Beschwerden wären eine rein körperliche Behandlung als auch eine ausschließlich psychotherapeutische Intervention nicht in der Lage ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen.

Selbstwirksamkeit

Der Fasziendialog hat darüber hinaus den großen Vorteil, dass die psychosomatischen Zusammenhänge für den Patienten/die Patientin selbst wahrnehmbar werden und so ein Gefühl der Selbswirksamkeit entstehen kann. Tatsächlich können die Patienten im Anschluss an die Behandlung eigenständig weiterarbeiten, sie lernen bestimmte Körperreaktionen einzuordnen und adäquat zu beantworten.

 

Bildnachweis: nanettegrebe/stock.adobe.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schock und Trauma

Depressed little boyTraumatisierungen hinterlassen auf der körperlichen Ebene „Abdrücke“ im Bereich der Faszien.

Traumaspeicherung

Körperliche und/oder seelische Traumata entstehen auf Grund von Unfällen, Verletzungen oder sonstigen Schocksituationen, welche zum Zeitpunkt des Geschehens nicht ausreichend verarbeitet werden können. Die Inhalte solcher Erlebnisse werden zum Schutz der Seele abgespalten beziehungsweise verdrängt, sie liegen quasi auf „Wiedervorlage“, um sie bei passender Gelegenheit nachträglich bearbeiten und somit erledigen zu können. In den meisten Fällen jedoch ist der subjektive Eindruck der Überforderung und Bedrohung des Systems durch das Trauma so groß, dass sich psychische Anteile herausbilden, welche sich mit aller Kraft gegen eine erneute Konfrontation wehren – es entsteht nicht nur im übertragenen Sinne eine Abkapselung der traumatischen Inhalte. Es ist gut nachvollziehbar, dass durch diese Abwehrmechanismen sehr viel Lebensenergie gebunden wird: Die Seele steht in einem permanenten Spannungsfeld zwischen den Schutzmechanismen und dem Streben nach Integration und Verarbeitung der abgespaltenen Themen.

Körperorientierte Psychotherapie

Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts stellten Psychotherapeuten wie Wilhelm Reich (Vegetotherapie) und sein Schüler Alexander Lowen (Bioenergetik) körperliche und energetische Prozesse in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit. Reich prägte den Begriff des Charakterpanzers, welcher individuelle Anspannungen und Verhärtungen im Bereich des Bewegungsapparates beschreibt. Diese Panzerung bildet sich größtenteils schon in frühkindlichen Entwicklungsphasen heraus und dient dem Schutz vor überfordernden Gefühlen und Affekten.

Energiezysten

Auch in der Cranio-Sacral-Therapie werden körperliche Speicherungen unverarbeiteter traumatischer Inhalte beschrieben: Dr. John Upledger entdeckte zusammen mit dem Biophysiker Dr. Zvi Karni auf Grund von Verletzungen oder Schockerlebnissen vom restlichen Körper abgekapselte Strukturen, welche er als „Energiezyste“ bezeichnete. Auch weniger spektakuläre Auslöser wie beispielsweise Ängste und Kränkungen sind, wenn sie nicht im Augenblick der Entstehung verarbeitet werden können, in der Lage sich körperlich in Form einer Energiezyste zu manifestieren. Eine solche Energiezyste behindert die normalen Körperfunktionen, sie muss „umgangen“ werden und führt so zu Störungen und Blockaden der gesunden Abläufe in unserem Körper. Durch die Abspaltung der zu Grunde liegenden Themen bleiben die Ursachen der so entstandenen körperlichen Beschwerden im Verborgenen.

 

Bildnachweis: bramgino/stock.adobe.com

 

 

 

 

Bindegewebe und Psyche

Wie ich während meiner Cranio-Sacral-Ausbildung selbst erleben durfte, besteht ein enger Zusammenhang zwischen der menschlichen Seele und dem Fasziensystem.

Propriozeption

Ein Bindeglied stellt hier die so genannten Propriozeption dar, welche eine hochkomplexe Form der Eigenwahrnehmung ist: Mit Hilfe spezieller Sinneszellen, so genannter Propriozeptoren in Gelenken, Muskeln und Sehnen werden dem Gehirn ständig Informationen über Bewegungen, Position im Raum und Muskelspannung weitergeleitet um so die Koordination von Körperhaltung und Bewegungen zu gewährleisten.

Das Gehirn nutzt diese Wahrnehmung jedoch nicht allein zu rein körperlichen Zwecken; zusätzlich errechnet es aus den eingehenden Sinnesreizen in Verbindung mit im Laufe des Lebens gesammelten Erfahrungswerten Informationen bezüglich unseres psychischen Befindens.

Embodiment

Körpersprache
Die Körperhaltung beeinflusst unsere Stimmung und umgekehrt.

Ein Beispiel für diese Zusammenhänge kann jeder selbst ausprobieren: Es ist fast unmöglich mit hängenden Schultern und Mundwinkeln, sowie einer flachen Brustatmung optimistische Gedanken zu produzieren; im Gegensatz dazu fällt es schwer, mit aufrechter Körperhaltung, tief in den Bauch atmend und einem Lächeln im Gesicht Trübsal zu blasen.

Selbst ein künstlich verursachtes, dem Lächeln ähnliches Spannungsmuster im Gesicht ist in der Lage im Gehirn eine positive Grundhaltung zu generieren. Dieser Zusammenhang wurde in einer psychologischen Studie (Strack, Martin und Stepper 1988) nachgewiesen, in der sich eine Gruppe von Probanden während sie sich Cartoons anschauten einen Stift zwischen die Zähne klemmte, um die Mundwinkel angehoben zu fixieren. Eine andere Gruppe schaute sich die Cartoons mit zwischen die Lippen geklemmtem Stift an. Die Gruppe mit dem simulierten Lächeln beurteilte bei einer anschließenden Befragung die Cartoons gegenüber der Kontrollgruppe signifikant als lustiger. Es ist also eindeutig so, dass nicht nur unser seelisches Befinden Auswirkungen auf unsere Körperhaltung und –Spannung hat, sondern sich die Haltung auch unmittelbar auf unsere Stimmung auswirkt. Insbesondere in der Sozialpsychologie werden diese Zusammenhänge zunehmend ernst genommen und erforscht, es hat sich hier der Fachbegriff „Embodiment“ etabliert. (Einen interessanten Beitrag, welcher unter anderem auch den oben beschriebenen Versuch thematisiert findet ihr bei  „Zeit online“)

Auswirkungen von Stress

Dr. Robert Schleip, einem der führenden Faszienforscher ist es darüber hinaus gelungen in einer speziellen Versuchsanordnung zu beweisen, dass vorher isoliertes Fasziengewebe auf Kontakt mit stressassoziierten Botenstoffen mit Zusammenziehen reagiert. Das Versuchsergebnis legt die Vermutung nahe, dass nicht nur die Muskulatur sondern auch die Faszien eine große, wenn nicht gar die Hauptrolle im Zusammenhang mit stressbedingten Verspannungen spielen. Zwischenzeitlich wurde belegt, dass Patienten mit chronischen Rückenschmerzen in den meisten Fällen starke Verdickungen und „Verfilzungen“ im Bereich der großen Rückenfaszien aufweisen. Spezielle Übungen, welche darauf abzielen das Fasziengewebe wieder elastischer und geschmeidiger zu machen, haben in der Mehrzahl einen deutlich schmerzlindernden Effekt.

Intendons

Das Fasziensystem
Intendons – eine Methode zur mentalen Aktivierung des Fasziensystems

Intendons bietet die Möglichkeit selbstwirksam am eigenen Fasziensystem zu arbeiten.

Gähnen als Initialzündung

Als ich eines schönen Tages in Internet-Foren zu Gesundheitsthemen surfte, landete ich zufällig bei einem interessanten Beitrag über „Intendons“. In diesem Beitrag wurde auf eine Übung verwiesen, in der über eine Art gedanklicher Aktivierung der am Gähnen beteiligten Muskeln eine schlaffördernde Entspannung erreicht werden sollte. Ich hatte gerade nichts besseres zu tun und probierte die Übung aus, mit dem Effekt, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu gähnen. Meine Neugier war geweckt, ich begann sofort, mich auf der Intendons-Homepage weiter zu informieren und auch einige andere Übungen zu versuchen. Mir war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, dass diese neue Methode meine Arbeit radikal verändern sollte.

Selbstversuche

Um mehr über Intendons zu erfahren besorgte ich mir als nächstes das Buch „Sensationen in den Sehnen“ von Harald Xander. Auf diese Weise ausgestattet mit einer Menge inspirierenden Materials begann ich nun ausgiebig mit mir selbst zu experimentieren. Besonders interessant für mich war die grundlegende Wirkung aller Intendons-Übungen auf die beiden großen Diaphragmen des menschlichen Körpers: Beckenboden und Zwerchfell. In meinem Kopf formte sich die Idee, mit Hilfe von Intendons den Zustand nach meiner osteopathischen Behandlung wieder selbstwirksam herstellen zu können.

Der erste Effekt, der sich nach fleißigem Üben bald einstellte war, dass ich ein sehr genaues Gefühl für die Anspannung im Zwerchfell und die daraus resultierende Einschränkung meines Atemvolumens entwickelte. Es dauerte dann allerdings noch etwas, bis ich tatsächlich wieder vollkommen durchatmen konnte. Ermutigt durch diesen ersten Erfolg nahm ich auch meine anderen „Körperbaustellen“ in Angriff: Die hochgezogenen Schultern, das Zähnepressen und ein sich mehr und mehr abzeichnendes Hohlkreuz. Es war mir möglich auf sämtlichen Gebieten deutliche Verbesserungen zu erzielen. Auch psychisch waren Veränderungen wahrnehmbar, ich hatte meine Ängste wesentlich besser unter Kontrolle und war weniger stressanfällig.

Intendons und das Cranio-sacrale System

Die mittlerweile selbst erfahrene Wirkung von Intendons auf Zwerchfell und Beckenboden führte mich dann noch auf eine weitere Spur: Es müsste doch möglich sein, die bei der Craniosacral-Ausbildung erlernten Techniken so auf Intendons-Übungen zu übertragen, dass ein vergleichbarer Effekt entsteht. Nach zahlreichen Selbstexperimenten hatte ich für mich das Gefühl am Ziel zu sein.

Jetzt  brauchte ich nur noch eine Person, welche in der Lage war meine Therapieergebnisse zu überprüfen (Die Auswirkungen einer Craniosacral-Behandlung lassen sich sehr unmittelbar an einer Veränderung der rhythmischen Bewegungen – zum Beispiel in Form von mehr Symmetrie oder einer größeren Amplitude – feststellen). Zufällig lernte ich kurze Zeit später eine Physiotherapeutin mit einschlägiger Ausbildung kennen. Sie bestätigte mir eine eindeutige Wirkung meiner Methoden auf den Craniosacral-Rhythmus. Ich war wie elektrisiert, es war also offensichtlich möglich selbstwirksam an seinem craniosacralen System zu arbeiten. Am meisten faszinierte mich wieder der Effekt im Bereich des Schädels: Es war ja anfangs schon schwer genug nachzuvollziehen, dass es Bewegungen in diesem Bereich gibt und dass man diese Bewegungen mit ganz sanften Manipulationen beeinflussen kann; die Beobachtung jedoch, dass man hier sogar „von innen heraus“ etwas bewirken kann war einfach unglaublich.

Erste Begegnung mit Harald Xander

Der nächste Schritt, der nicht lange auf sich warten ließ, war die Teilnahme an einem Übungsabend mit Harald Xander. Diese Veranstaltung fand in den Räumen einer Kollegin statt. Nachdem ich bis zu diesem Zeitpunkt Intendons ausschließlich in der Selbstanwendung genutzt hatte, bekam ich hier die Gelegenheit, Erfahrungen mit der Einbindung der Methode in die praktische Arbeit mit Patienten zu machen. Sich an dieses Arbeitstreffen anschließende erste Anwendungsversuche an Familienmitgliedern und Freunden waren äußerst vielversprechend, so dass ich es mir dann endlich zutraute, Intendons in meine tägliche Arbeit in der Praxis zu integrieren.

 

Bildnachweis: adimas/stock.adobe.com

 

Wie alles begann…..

Cranio-Sacral-Behandlung der Schädelknochen
Ein wichtiger Schritt auf meinem Weg zur Arbeit am Fasziensystem war eine Ausbildung in Cranio-Sacral-Therapie.

Osteopathische Behandlung

Mein erstes einschneidendes Erlebnis im Zusammenhang mit dem Fasziensystem war die Behandlung bei einer osteopathisch arbeitenden Kollegin. Eigentlich wollte ich dort vor dem Einbau eines neuen Zahnersatzes meinen offensichtlichen Beckenschiefstand korrigieren lassen (Kiefer und Becken stehen nämlich in einem engen Zusammenhang und beeinflussen sich gegenseitig, was im übrigen auch durch die Faszien mit bedingt wird). Die Behandlung nahm dann allerdings einen ganz anderen Verlauf als erwartet. Die Kollegin stellte fest, dass ich eine viel dringlichere Baustelle als meinen Beckenschiefstand aufzuweisen hatte. Durch ein Trauma während der Geburt bedingt war mein Zwerchfell wohl total blockiert. Die daraus resultierende Einschränkung meiner Atmung habe ich nie wahrgenommen, da ich es ja nicht anders kannte. Neben der Zwerchfellblockade hatte ich außerdem ein typisches Angst-Körpermuster mit extrem hochgezogenen Schultern. Ich glaube, es ist gut nachvollziehbar, dass dies der vollen Entfaltung des Atemvolumens auch nicht gerade zuträglich war.

Keiner, der es noch nicht am eigenen Leib erfahren hat, macht sich eine Vorstellung davon, wie befreiend es sich  anfühlt, das erste Mal in seinem Leben richtig durchatmen zu können. Nach dieser ersten Behandlung bin ich dann schließlich beseelt atmend nach Hause gefahren, den Folgetermin, zu dem ich meinen Mann mitbringen sollte, bereits in der Tasche.

Im Rahmen des zweiten Behandlungstermines sollte mein Mann instruiert werden, die therapeutischen Maßnahmen bei mir fortzusetzen um das Ergebnis zu stabilisieren. Mein Mann und ich haben dann noch zwei oder drei Behandlungen durchgeführt alles weitere scheiterte erwartungsgemäß am Alltag.

Es dauerte nicht lange, und ich atmete wieder eingeschränkt während die Ohren Besuch von meinen Schultern bekamen 🙁  Leider war es nicht möglich die Therapie bei der Kollegin wieder aufzunehmen, da sie sich zwischenzeitlich auf die Behandlung von Säuglingen spezialisiert hatte. Eine(n) anderen guten Therapeuten(in) zu finden war in meinem doch sehr provinziellen Wohnumfeld nicht möglich.

Die Behandlung durch die Kollegin hatte so leider keine nachhaltige Wirkung, abgesehen davon, dass mein Interesse an Körpertherapie geweckt war. Bisher hatte ich in meiner Praxis ausschließlich mit Homöopathie, Spagyrik, diversen psychotherapeutischen Interventionen und Hypnose gearbeitet, eine Be-Hand-lung im vollen Wortsinn fand zu diesem Zeitpunkt nicht statt. Ich erzielte zwar gute Ergebnisse bei meinen Patienten, hatte aber immer das Gefühl, dass noch etwas fehlte.

Entdeckung der Cranio-Sacral-Therapie

Nachdem das Thema „Körperarbeit“ nicht mehr aufhörte in mir zu arbeiten, entschied ich dann eine Ausbildung in Craniosacral-Therapie zu machen (Die Craniosacrale Therapie basiert auf der am Anfang des 20. Jahrhunderts von Dr. W.G. Sutherland gemachten Beobachtung, dass die das Gehirn und Rückenmark umgebende Flüssigkeit (Liquor) einer rhythmischen Eigenbewegung unterliegt, welche sich auf den gesamten Körper überträgt. Auf der Basis dieser Erkenntnis entwickelte der amerikanische Osteopath Dr. J.E. Upledger in den 70er Jahren die heute bekannte cranio-sacrale Behandlung, bei der der Therapeut die durch den Liquor verursachten feinsten Bewegungen mit den Händen ertastet, Blockaden aufspürt und sie mit Hilfe behutsamer manueller Techniken löst. Die Cranio-Sacral-Therapie ist in der Lage das körperliche und seelische Gleichgewicht wieder herzustellen und so auf eine Vielzahl von Beschwerden positiv einzuwirken)

Kurze Zeit später fand ich mich wild entschlossen in einer Upledger-Ausbildungsgruppe neben Physiotherapeuten, Logopäden und Kollegen, welche alle schon über längere Zeit körpertherapeutisch gearbeitet hatten wieder, ich war tatsächlich das einzige „Greenhorn“ auf diessem Gebiet, die anatomischen Kenntnisse aus der Heilpraktikerprüfung schienen Lichtjahre entfernt.

Gott-sei-Dank gab es in diesem Augenblick kein zurück mehr. Altbekannte Gedanken drängten sich mir auf: „Die anderen können das alle viel besser als ich“ …. die Stimme meiner Mutter machte sich aus dem Hintergrund bemerkbar: „Warum meinst du eigentlich immer, alles schon können zu müssen? – Du bist doch schließlich hier um es zu lernen“ …. Tatsächlich wäre ich am liebsten auf dem Absatz umgekehrt.

Die theoretische Einführung in das Thema ließ mich dann mein Unbehagen schnell vergessen, die Informationen über Faszien und das Bindegewebe saugte ich auf wie ein Schwamm. Im Gegensatz zu den Lehrinhalten meiner Heilpraktikerausbildung, wo das Bindegewebe immer nur als das Gegenteil von „Funktionsgewebe“ behandelt wurde, oder aber zu geläufigen, eher negativ besetzten Assoziationen wie Cellulite, Falten, Dehungsstreifen und wild wucherndem Narbengewebe, eröffnete sich mir plötzlich ein riesiger, spannender Kosmos voll von inspirierenden Möglichkeiten.

(Einen sehr informativen Beitrag, welcher die Dimensionen der Faszienwelt anschaulich wiedergibt findet man in der Mediathek des WDR bei Quarks & Co.)

Erste praktische Erfahrungen

Als es dann daran ging praktisch zu arbeiten stellte sich heraus, dass ich gegenüber meinen Ausbildungskollegen sogar einen gewisssen Vorteil hatte. Bei der Craniosacraltherapie geht es vor allem darum, vorbehaltlos zu spüren und den Impulsen unter seinen Händen zu folgen. Zu viel Wissen oder die Absicht, eine bestimmte Manipulation ausführen zu wollen, können bei dieser Arbeit ausgesprochen hinderlich sein. Meine Kollegen mussten gewissermaßen erst mühsam ihr Erlerntes aufgeben um sich der neuen Aufgabe zu öffnen, der ein oder andere hatte ausgesprochene Schwierigkeiten damit.

Mein Spektrum dessen, was ich für möglich hielt wurde im Laufe dieses Seminares mehrfach förmlich gesprengt. Besonders die Arbeit an den Schädelknochen veranlasste mich aus dem Staunen nicht mehr heraus zu kommen. (Zur Erinnerung: Die Craniosacral-Therapie basiert auf einer gleichmäßigen, rhythmischen Ausdehnung und Kontraktion des gesamten Körpers einschließlich des Schädels). Im Bereich des doch relativ flexiblen Körpers ist die Vorstellung eines solchen „Pulses“ noch gut nachvollziehbar; diese feinen Bewegungen jedoch im Bereich des – wie üblicherweise angenommen – starren Schädels unter seinen Händen zu spüren, stellte meinen konditionierten Verstand vor eine gewaltige Herausforderung.

Auch während dieser Ausbildung bekam ich wieder am eigenen Leib einen Eindruck davon, wie sich massive Bewegungseinschränkungen ganz unbemerkt manifestieren können und man sie irgendwann für normal hält: Ich wollte in einer Seminarpause seit längerer Zeit mal wieder einen Apfel im ganzen essen und musste feststellen, dass ich den Mund nicht weit genug öffnen konnte um hinein zu beißen. Diese Blockade hat sich aus einem nächtlichen Kieferpressen entwickelt und ich habe es nicht einmal gemerkt. Einige Behandlungstechniken, welche Inhalt unserer Ausbildung waren und eine zusätzliche Manipulation durch einen der Seminarleiter ließen mich schon am nächsten Tag genüßlich mit weit geöffneten Kauleisten in einen weiteren Apfel beißen.

Mein eindrucksvollstes Erlebnis hatte ich bei der Behandlung einer Übungspartnerin: Durch meine Arbeit an ihrem craniosacralen System wurde die Erinnerung an einen Autounfall aktiviert. Im ersten Augenblick bin ich sehr erschrocken. Wir hatten zwar schon die theoretische Information, dass traumatische Erlebnisse und Emotionen im Bindegewebe gespeichert sind und durch die Behandlung wieder erweckt werden können, es dann aber tatsächlich völlig unerwartet zu erleben war dann doch noch einmal etwas anderes. Mit Unterstützung durch einen der Seminarleiter habe ich die Übungspartnerin weiter durch den Prozess geführt. Die „Patientin“ war nach dieser Übung das erste Mal seit langer Zeit frei von Rückenbeschwerden und ich war überaus dankbar, das erste Ereignis dieser Art in einem geschützten Rahmen und in Begleitung eines erfahrenen Therapeuten erleben zu dürfen.

Im Zuge der Ausbildung wurde uns dringend empfohlen im Austausch mit anderen Cranioscral-Therapeuten praktische Erfahrungen zu sammeln, bevor wir in der Praxis auf Patienten losgehen. An diesem Punkt tauchte mein mittlerweile bekanntes Problem wieder auf: Um Übungspartnerschaften in Anspruch zu nehmen hätte ich jedes Mal große Strecken zurück legen müssen, was für mich bedeutete, dass ich im privaten Rahmen gerade mal einige wenige Behandlungen durchführte, keine passende Möglichkeit der Eigentherapie hatte, und dass schließlich mein neu gewonnenes Wissen erst einmal ins Leere führte. Ich fügte mich ein wenig resigniert in mein Schicksal und behandelte meine Patienten eben weiter mit den gewohnten Therapieangeboten.

 

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