Bindegewebe und Psyche

Wie ich während meiner Cranio-Sacral-Ausbildung selbst erleben durfte, besteht ein enger Zusammenhang zwischen der menschlichen Seele und dem Fasziensystem.

Propriozeption

Ein Bindeglied stellt hier die so genannten Propriozeption dar, welche eine hochkomplexe Form der Eigenwahrnehmung ist: Mit Hilfe spezieller Sinneszellen, so genannter Propriozeptoren in Gelenken, Muskeln und Sehnen werden dem Gehirn ständig Informationen über Bewegungen, Position im Raum und Muskelspannung weitergeleitet um so die Koordination von Körperhaltung und Bewegungen zu gewährleisten.

Das Gehirn nutzt diese Wahrnehmung jedoch nicht allein zu rein körperlichen Zwecken; zusätzlich errechnet es aus den eingehenden Sinnesreizen in Verbindung mit im Laufe des Lebens gesammelten Erfahrungswerten Informationen bezüglich unseres psychischen Befindens.

Embodiment

Körpersprache
Die Körperhaltung beeinflusst unsere Stimmung und umgekehrt.

Ein Beispiel für diese Zusammenhänge kann jeder selbst ausprobieren: Es ist fast unmöglich mit hängenden Schultern und Mundwinkeln, sowie einer flachen Brustatmung optimistische Gedanken zu produzieren; im Gegensatz dazu fällt es schwer, mit aufrechter Körperhaltung, tief in den Bauch atmend und einem Lächeln im Gesicht Trübsal zu blasen.

Selbst ein künstlich verursachtes, dem Lächeln ähnliches Spannungsmuster im Gesicht ist in der Lage im Gehirn eine positive Grundhaltung zu generieren. Dieser Zusammenhang wurde in einer psychologischen Studie (Strack, Martin und Stepper 1988) nachgewiesen, in der sich eine Gruppe von Probanden während sie sich Cartoons anschauten einen Stift zwischen die Zähne klemmte, um die Mundwinkel angehoben zu fixieren. Eine andere Gruppe schaute sich die Cartoons mit zwischen die Lippen geklemmtem Stift an. Die Gruppe mit dem simulierten Lächeln beurteilte bei einer anschließenden Befragung die Cartoons gegenüber der Kontrollgruppe signifikant als lustiger. Es ist also eindeutig so, dass nicht nur unser seelisches Befinden Auswirkungen auf unsere Körperhaltung und –Spannung hat, sondern sich die Haltung auch unmittelbar auf unsere Stimmung auswirkt. Insbesondere in der Sozialpsychologie werden diese Zusammenhänge zunehmend ernst genommen und erforscht, es hat sich hier der Fachbegriff „Embodiment“ etabliert. (Einen interessanten Beitrag, welcher unter anderem auch den oben beschriebenen Versuch thematisiert findet ihr bei  „Zeit online“)

Auswirkungen von Stress

Dr. Robert Schleip, einem der führenden Faszienforscher ist es darüber hinaus gelungen in einer speziellen Versuchsanordnung zu beweisen, dass vorher isoliertes Fasziengewebe auf Kontakt mit stressassoziierten Botenstoffen mit Zusammenziehen reagiert. Das Versuchsergebnis legt die Vermutung nahe, dass nicht nur die Muskulatur sondern auch die Faszien eine große, wenn nicht gar die Hauptrolle im Zusammenhang mit stressbedingten Verspannungen spielen. Zwischenzeitlich wurde belegt, dass Patienten mit chronischen Rückenschmerzen in den meisten Fällen starke Verdickungen und „Verfilzungen“ im Bereich der großen Rückenfaszien aufweisen. Spezielle Übungen, welche darauf abzielen das Fasziengewebe wieder elastischer und geschmeidiger zu machen, haben in der Mehrzahl einen deutlich schmerzlindernden Effekt.